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Oma, die Bardos & über die Schönheit von Leben und Tod

Laura Deichl
22. Sept.
5 Min. Lesezeit

Vor drei Wochen ist meine Oma heimgegangen. Über eine unglaublich intensive, sehr persönliche Erfahrung, die Bardos des Sterbeprozesses, und wie wir in der Begegnung mit dem Tod das Geschenk bekommen, etwas hinter den Schleier zu blicken.




Vor drei Wochen ist meine Oma heimgegangen. Die absehbaren zwei Tage vor ihrem Tod wie auch danach, und immer noch, waren für mich ein zutiefst heilsamer, wunderschöner (wenn auch natürlich trauriger) Prozess war. Und unglaublich intensiv, hat mich wohl meine liebe Oma zu Schulungszwecken ein bisschen mit auf ihrer Reise durch die Bardos des Sterbeprozesses genommen. Selten teile ich so persönliche Dinge, doch hierin liegt einfach eine so große Erinnerung an uns alle, dass ich darüber erzählen wollte.


Die Schönheit von Leben und Tod


Zwei Tage vor ihrem Tod, als absehbar war, dass sie innerhalb der nächsten Tage gehen würde, hab ich meine Oma im Krankenhaus besucht. Sie war schon unter Morphin, hat noch kurz die Augen geöffnet, war aber eigentlich schon fast weg. Ein Stockwerk tiefer treffe ich zufällig meine älteste Freundin, die ich seit Geburt an kenne, die am tags zuvor dort ihr zweites Kind entbunden hat. Zum ersten Mal wurde mir zellulär bewusst, wie nah Tod und Leben zusammen sind. Im Feld der Psora, das mich in seiner Erforschung gerade eh völlig mitnimmt, hab ich neben all meiner persönlichen Trauer das Feld des Krankenhauses mit all den Menschen und Krankheiten dort (und jenseits allem was da vielleicht manchmal an fragwürdigen Dingen vollbracht wird) in seiner ganzen Schönheit gesehen. Eine ganz eigenartige Schönheit, die irgendwie das Menschsein selbst betrifft.


Und die Feststellung, dass die Begegnung mit dem Tod einen so tief ins Leben rein katapultiert.


Zeitverdichtung und Verflüssigung


In diesen zwei Tagen war ich mit meinem Bewusstsein gefühlt in manchen Momenten mehr in ätherischen Fluidum (der Schnittmenge zwischen Materie und Geist, Hier und Anderswo) als hier. Und in diesem schwimmenden Bewusstsein hab ich an diesem Tag förmlich gesehen, wie Myriaden von kleinen und großen Rädern des Universums ineinandergreifen, in denen das eine als Leben auftaucht, und das andere wieder geht. Und dass sich eines nur ins andere umwandelt. Und nicht nur mir ging es so, auch meine Familie fühlte sich wie im Traum, und hatte in diesen Tagen zahlreiche 'Zufallsbegegnungen' mit alten Bekannten, Freunden. Das passiert, wenn sich, angesichts der Nähe zum Schleier, die Zeit verdichtet, sich Zeitlinien berühren.


Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass sich in diesen Tagen unglaublich viel in mir und im Familiensystem wie ganz von alleine bereinigt hat. Meine Oma hat in diesem Leben unglaublich viel Schicksal getragen. Es fühlte sich an, als würde sich so viel verflüssigen, was so lange als Strukturen in unserem System erstarrt und damit in uns allen eingeprägt war. Alles wurde flüssig. Ich hab immer wieder unglaublich viel geweint. Allerdings waren das keine Tränen, die mich nach innen in die Verschlossenheit gekehrt hätten, wie man das sonst oft von Trauer kennt. Sie verströmten sich offen und frei in die Welt. Sie waren wach und leicht, mit einem großen Ja. Und ich merkte, so ist es gedacht. Das ist pure Heilung unseres Menschseins.


Castanedas 'Die Welt anhalten'


Am Nachmittag vor meinem letzten Besuch, war ich ohne jeden Grund final erschöpft. Ich fühlte mich körperlich so schwer, dass mir sogar Liegen zu anstrengend erschien. Am selben Abend dann ist ist gegangen. Und ich bin ich mir absolut sicher, dass sich den genauen Zeitpunkt mitbekommen hab, lang bevor das Klinikum angerufen hat. Ich saß am Sofa und auf einmal wurde es alles still. Ein Abbremsen, wie wenn man beim Boot (oder Auto) das Gas plötzlich wegnimmt. Wie ein Rückwärtsimpuls. So still, dass ich tatsächlich meinen Puls nachgefühlt hab, weil ich gedacht hab, ich bin selbst gestorben (ich glaub jetzt weiß ich, was Castaneda mit 'die Welt anhalten' meint.) Auch, wie wenn ein bestimmter Ton in mir aufgehört hätte, den ich vorher gar nicht wahrgenommen hab. Und auch ziemlich beängstigend, denn es fühlte sich so an, als würde die Matrix der Welt jeden Moment kollabieren. Meine Hände und Füße begannen zu kribbeln, und wurden kalt, und gleichzeitig heiß.


Engel, und die Bardos


Später am Abend rief das Krankenhaus an, und gab Bescheid, dass sie gestorben ist. Ich saß bis spät in die Nacht, nur mit meiner Kerze, ganz natürlich, wie in einer Art Wache. Und in mir war ein tiefer, nie gekannter Frieden. Ich fühlte mich völlig ätherisch, körperlos. Wie ein unsagbar feines, kristallines Wesen. Wenn ich Engel normalerweise nicht komplett anders wahrnehmen würde (als feurig-machtvolle Präsenz), würde ich sagen, ich hab mich gefühlt wie ein Engel. Ich hatte überhaupt keinen Bezug zu meinem Körper mehr. Ich kenne out-of-body Zustände gut, aber das war komplett anders. Von jenseits. Und ich kann es bis jetzt nicht wirklich erklären. Ich hab mich trotz allem versucht mit Engelwurzbalsam, Meteoreisen und Fingergesten im Körper zu stabilisieren, damit ich nicht ganz rausrutsche. Aber wusste eigentlich auch, dass das gerade unnötig ist.


Und weil das Erforschen der Schönheit und dem Wesen dieser Schöpfung einen großer Teil meiner Soseins-Struktur ausmacht, machte ich nochmal Licht und holte das Tibetische Totenbuch raus. Ein bisschen wusste, ich diese Dinge schon, obwohl ich mich noch nie super intensiv damit beschäftigt habe. Dass sich im Sterbeprozess, sowohl schon in den Tagen vor dem physischen Tod als auch danach, der Mensch durch verschiedene Bardos, sozusagen Reinigungswelten bewegt. Wo sich Stück für Stück die verschiedenen Körper (die wir auch als physischer Körper, Ätherkörper, Astralkörper, Mentalkörper etc. kenne) ablösen bzw. unwandeln. Und doch war ich erstaunt, viele von meinen Wahrnehmungen der letzten Tage und Stunden dort wiederzufinden. In der Phase der Umwandlung von Erde in Wasser, Wasser in Feuer, Feuer in Luft/Wind und Wind in Bewusstsein, die unglaubliche Schwere des Körpers. Im Sterben die kribbelnden, kalten Hände und Füße. Und im Moment des Todes diese unsagbare Stille. Auch recherchierte ich, dass es durchaus sein kann, dass nahe Angehörige diese Phasen mitbekommen. So hat mich wohl meine Oma zu Schulungszwecken ein bisschen durch die Bardos mitgenommen. In dieser Nacht schlief ich wie ein neugeborenes Baby, wie seit Jahren nicht mehr.


Matrix


Die Zustände der oben beschriebenen Momente der Stille und Rückimpulse, des Bewusstseins, das immer wieder wegdriftet, sowie das unglaublich Feine hielten noch mehrere Tage an, und waren trotz allem immer noch ziemlich beängstigend. Weil es sich einfach anfühlt, als würde die Matrix der Welt gleich zusammenklappen. Teilweise raste ich gefühlt in einer unfassbaren Geschwindigkeit durch die Quantengefüge des Universums. Und gleichzeitig war die Welt still, wie ich es nicht besser beschreiben kann, denn diese Stille ist unsagbar und nicht vorstellbar.


Ich hab all diese Dinge auch in unserer Essaio Gruppe geteilt. Und war unglaublich dankbar, als eine Kollegin mir geschrieben hat, dass sie all diese Zustände und Wahrnehmungen kennt, als ihr Vater mal einen Herzinfarkt hatte (den er überlebt hat, von dem sie aber erst einen Tag später erfahren hat). Auch sie schrieb, sie fühlte sich wie ein Avatar, dem der Stecker gezogen würde. Was ich als kollabierende Matrix wahrnahm. Das ist einfach die Nähe zum Abgrund. Zum Schleier, durch den wir hindurch inkarnieren, und unter dem wir erst einmal vergessen, wie die Welt eigentlich ist.


Wenn die Begegnung mit dem Tod den Schleier öffnet


In diesen Momenten öffnet sich der Schleier. Und wenn wir bewusst sind, sind das die größten Geschenke, die uns das Leben machen kann. Sie sind so groß, dass man sie erleben muss. Denn alles, was ich hier beschreibe, kann der Erfahrung nicht gerecht werden.


Es ist da, wo uns die Begegnung mit dem Tod so tief ins Leben hinein katapultiert, dass wir zum ersten mal erahnen, was Leben eigentlich ist. Und dass gleichzeitig trotzdem nichts davon existiert, was wir als Tod und Leben bezeichnen.







 
 
 

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© 2026 Laura Deichl | Hinweis: Ich verspreche Heilung zu keiner Zeit, ich begleite. Heilen kannst Du Dich nur selbst.

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