Maria Magdalena, Geliebte & Eingeweihte
- Laura Deichl
- 21. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Dez. 2025
Maria Magdalena. Geliebte, Gefährtin und begnadetste Schülerin von Jesus Christus, Priesterin und Eingeweihte, spirituelle Meisterin, Inbegriff der Liebe wie auch einfach Frau aus Fleisch und Blut. Über ihr Leben und was sie uns heute lehren kann.

Maria Magdalena. Auf meiner spirituellen Reise durch die heilige Landschaft Okzitaniens hat sie mich erstmals berührt, oder vielmehr, in die Tiefen meines Seins hinein erschüttert und bewegt. Okzitanien, das mystische Land der Katharer. Und das Land der Maria Magdalena. Sie soll nach dem Tod von Jesus auf ihrer Flucht mit dem Schiff in Südfrankreich gelandet sein. Am Ende meiner Reise bin ich in ihrer Grotte gesessen, die Grotte-de-Sainte-Marie-Madeleine bei Sainte Baume. Hier soll sie als Eremitin ihre letzten Lebensjahre verbracht haben. Selten bin ich in der Meditation so schnell auf eine so unfassbar tiefe Bewusstseinsebene gesunken wie dort. Nach einer zeitlosen Stunde dann oben auf der Empore, wo von Blumen umringt einige ihrer Gebeine liegen. Ich stand da, die Augen zu. Eine der tiefsten Erfahrungen üeberhaupt. Wesenhaft war Maria Magdalena da, ihre Präsenz in jede meiner Zelle geflutet. Für einen Augenblick wurde ich sie. Bekam ihren Blick in die Welt. Liebe, umermesslich. Abgrundtief. Ihr Blick, er sieht nur Liebe. In allem ist die Liebe.
In einem Onlineraum sind wir hier nun drei Wochen mit ihr gereist. Neben den unglaublich tiefen Schichten, die wir in uns selbst berührt haben, hab ich mich auch nochmal intensiver mit ihr beschäftigt, viel über sie gelesen. Ihr zu Ehren in aller Kürze nun nochmal dieser Beitrag zu ihr (wenn ich auch so viel mehr schreiben könnte!).
Das Leben der Maria Magdalena
Von der Kirche über Jahrhunderte als Prostituierte und Sünderin herabgewürdigt, war Maria Magdalena (Aramäisch: Mariam Magdala) wohl eigentlich Gefährtin und begnadetste Schülerin von Jesus Christus, wie auch selbständige spirituelle Meisterin. Von adliger Herkunft wurde sie am See Genezareth geboren. Manche leiten ihren Namen von der Stadt Magdala ab, andere von Migdal-Eder, dem 'Turm', der vielleicht ihre herausragende Rolle unterstreichen sollte. Maria Magdalena war wohl eine Nachfahrin von König Saul und entstammte damit dem Stamm Benjamin, während Jesus ein Nachfahre von König David und damit dem Stamm Juda war. So wird vermutet, dass ihre Hochzeit arrangiert war, mit höchst politischer und spiritueller Bedeutung, denn damit hätten sie die Dynastien und damit die zwei getrennten Häuser Israels wieder vereinigt. Manche vermuten, dass Maria Magdalena vor ihrer Begegnung mit Jesus einige Jahre in Ägypten verbracht hat und dort in einer Einweihungsschule ausgebildet wurde.
Sie zählt nachweislich zum innersten Kreis Jesus Christus und nahm hierin eine Sonderrolle ein. Alle vier Evangelien beschreiben sie als die 'Apostelin der Apostel' und erwähnen sie namentlich als erste Zeugin der Auferstehung, und sogar die, die sie als erste verkünden soll. In der Bibel wird sie zunächst als Sünderin portraitiert (wenn auch nicht klar ist, was diese Sünden waren). Doch wie Jesus sagte: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der liebt wenig." (Lk 7.36 - 47). Nicht wegen eines lauteren und reinen Lebenswandels wurde ihre vergeben. Nicht aufgrund von Buße, Reue oder Schmerz. Einzig weil sie so sehr liebte.
Und den alten Schriften nach war sie wohl von allen Jüngern und Jüngerinnen Jesu die, die seine Lehren am tiefsten begriffen hatte (vor allem die metaphysischen, abstrakten, die heute viel weniger bekannt sind), und gleichermaßen in Taten umzusetzen wusste. Das setzte schon eine immense spirituelle Größe voraus, wie Bourgeault schreibt, das erfordert "Ohren, die hören können" und zwar auf einer anderen Ebene als der irdischen. Und wie Jesus zu Maria Magdalena in ihrer visionären Kommunikation nach seiner Auferstehung sagte: "Selig bist du, weil du nicht wankst, wenn du mich siehst". Ein Blicken in die metaphysischen Welten braucht ein felsenfestes, entwickeltes Bewusstsein, die Fähigkeit "es keinen Wellen psychischer Erregung zu gestatten, die stillen Gewässer zu kräuseln, auf die das [visionäre] Bild reflektiert wird." (Bourgeault). Doch sie war vielmehr als nur seine Schülerin. Sie wirkte wohl gleichermaßen als eigenständige spirituelle Lehrerin, Heilerin und spirituelle Meisterin, und seine gleichberechtigte Partnerin und Gefährtin.
Nach seinem Tod soll sie nach Südfrankreich geflüchtet sein und mit dem Schiff in Saintes-Maries-de-la-Mer gelandet sein (auch das ist nicht gesichert, aber wahrscheinlich). In der heutigen Provence wie auch an verschiedenen Orte Okzitaniens soll sie bis zu ihrem Tod gelebt und gewirkt und die wahre Lehre von Jesus Christus als Kirche der Liebe verbreitet haben.

Gnosis, die urchristlichen Lehren
Das Evangelium der Maria Magdalena wurde 1896 in Kairo wiederentdeckt. Das Philippusevangelium, das Thomasevangelium und weitere Texte, die ebenso mehr über das Leben und die Lehren von Jesus und Maria Magdalena erfahren lassen, wurden 1945 in den Wüsten Ägyptens in einer Höhle bei Nag Hamadi gefunden, wohl im vierten Jahrhundert dort verborgen. Sie alle gehören zu den sogenannten apokryphen Schriften. Das sind die Schriften, die es im Konzil von Nicäa unter Bischof Athanasius im Jahr 367 nicht den offiziellen neutestamentlichen Kanon der Bibel geschafft haben. Sie wurden quasi einfach rausgeworfen (zu unbequem für die damals schon beginnend partriarchale Kirche?).
Doch zu den frühsten Ursprüngen der christlichen Weisheitslehren gehörte ein wahrer Pluralismus von kulturellen Strömungen, Mysterienschulen und Kosmovisionen. Diese urchristlichen, nicht offiziellen Lehren werden heute auch oft als gnostische Lehren bezeichnet. Die Gnostik ist damit 'der Schatten', die Gegengeschichte der Bibel. Gnosis ist griechisch und bedeutet 'Wissen'. Und zwar kein Kopfwissen, sondern wie die Theologin und Mystikerin Cynthia Bourgeault schreibt "ein Wissen mit unserem ganzen Wesen oder Sein" und "ein vollständiges, integrales Wissen, das Körper, Verstand und Herz vereint - und das durch sein besonderes Umfassen das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verbindet."
Das beschreibt eigentlich schon gut, was eine Essenz dieser alten vergessenen urchristlichen Schriften ist. Es ging nie darum, in rein geistige, transzendentale Ebenen dem irdischen Leben zu entfliehen. Sondern vielmehr darum, das erleuchtete Bewusstsein im ganz irdischen Leben zu finden. So viel wichtiger als jede abgehobene spirituelle Praxis ist in den alten mystischen Wegen das Erkennen, dass das spirituelle Leben genau dort statt findet, wo wir sind. Wie auch die jüdische Mystik sagt: 'Da wo du stehst.' Die Erfüllung ist im ganz irdischen Leben zu finden, das Heilige im Profanen. Was wir als Christusbewusstsein kennen (ich sag auch gleichermaßen Magdalenabewusstsein), meint eigentlich 'der Himmel auf Erden'.
Maria Magdalena & Jesus
Auf welchen Ebenen Maria Magdalena und Jesus ihre Partnerschaft führten, ist nicht sicher. Dass sie neben einer rein spirituellen auch eine erotische Beziehung hatten, gilt aber heute als wahrscheinlich. Doch so oder so, führten sie wohl eine Beziehung, die von einer so spirituellen, feinen und leuchtenden Liebe geprägt war, wie sie erst auf der Ebene dieses hohen Bewusstseins möglich wird. Sie lebten eine Partnerschaft, die sich voll und ganz an den höchsten Weg zum vollkommenen Menschen hingab. Wie Cynthia Bourgeault schreibt, "bezeugen sie die Tatsache, dass, wenn Männer und Frauen den spirituellen Weg gemeinsam gehen, jeder und jede in der eigenen Ordnung, doch in völliger Gleichheit, das Bild des anthropos (des 'vollendeten Menschen') am vollständigsten auf der Erde offenbart wird."
Was sie verkörperten war den Erleuchtungsweg über die heiligen Vereinigung des Polaren zu gehen, des Männlichen und des Weiblichen. Wie Bourgeault schreibt: "'in Liebe über die Liebe hinauszugelangen' bildetet das Herszstück des christlichen mystischen Transformationsprorgamms, das im zwölften Jahrhundert in der erhabenen 'monastischen Liebsmystik' des heiligen Bernhard Clairvaux [...] seine Höhepunkt fand". Es ging also darum, im alchimistischen Kessel die hohe Kraft des Eros (der erotischen Liebe) in die Agape (die göttlichen Liebe) umzuwandeln, also genau über die menschliche, körperliche Vereinigung in die Vereinigung mit dem Göttlichen zu gelangen. Auch wenn das aus einer konservativen Perspektive wohl erst einmal höchst anstößig klingt, zieht Cynthia Bourgeault eindeutige Parallelen zum tantrischen Buddhismus (wobei sie im Weiteren, um es neutraler zu halten, vom Pfad der bewussten Liebe spricht).
Auch über seinen physischen Tod hinaus, wirkten die beiden als mystische Partner zwischen den Ebenen des Sichtbaren und Unsichtbaren an der Sphäre des Pfades der bewussten Liebe zwischen Mann und Frau als einem alchimistischen, höchstspirituellen Bewusstseinsprozess hin zum vollkommenen Menschen.

Was Maria Magdalena uns heute lehrt
Die Vereinigung des Polaren über die Liebe. Ein Transformationspfad mit seinem Ursprung tief im Herzen der christlichen Mystik, der solange im Verborgenen lag, als unterirdischer Fluss weiterexistierte, und jetzt in der Frequenz von Maria Magdalena wieder an die Oberfläche dringt. Oft wird Maria Magdalena heute als unterstützende Kraft gesehen, wenn es um die Heilung der weiblichen Kraft und Schoßraumarbeit geht. Für mich ist sie jedoch vielmehr als 'nur' das Weibliche in uns zurückzuerlangen. Sie folgte den alten Weisheitswegen. Sie war eingeweiht in die höchsten Schöpfungsmysterien. Maria Magdalena war eine Eingeweihte, was bedeutet, dass sie den höchten Bewusstseinszustand der Ungeteiltheit erreicht hatte. Darin hat das erleuchtete Bewusstsein alles Polare in sich integriert, somit auch das Männliche und das Weibliche. Im Sinne von:
"Wenn ihr die zwei [zu] einem macht
und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht
und das Äußere wie das Innere
und das Obere wie das Untere
und wenn ihr das Männliche und das Weibliche zu einem einzigen macht
damit das Männliche nicht männlich
[und] das Weibliche [nicht] weiblich ist [...]
dann werdet ihr [in das Königreich] eingehen (Logion 22)."
Neben dem Leben einer heiligen Partnerschaft, die sich dem höheren Bewusstseinsweg hingibt, ist für die die Arbeit mir Maria Magdalena ist das Erforschen der mystischen Vereinigung mit dem eigenen polaren Wesen. Und zudem ist sie für mich eine Begleiterin darin, unser göttliches Sein und hohes kosmisches Wissen im täglichen Leben zu verkörpern, und darin nur noch der Liebe zu folgen. Darum nenne ich sie auch Priesterin der verkörperten Liebe. Der Körper wird heiliges Gefährt, Tempel, materialisierter Kosmos in genau deiner Frequenz. Alles Irdischen, alle kleinsten Bewegungen deines alltäglichen Lebens, sind eine von abermilliarden Facetten des göttlichen Ausdrucks im Irdischen. Deinem Leben in dieser Weise zu begegnen ist eine der höchsten spirituellen Praktiken, Meisterschaft. Hier heilst du Schöpfung durch dich.

Maria Magdalena als Ishim
Zuletzt ist Maria Magdalena eine Ishim, Lichtgestalt, die einst selbst als Mensch verkörpert war. Gerade deswegen kann sie uns lebensnah und konkret führen wie es kein rein geistiges Wesen, kein Archetyp oder Urbild es könnte. Jede neue Zeit fordert neue Wege, die wir gehen. Die den kosmischen Bedingungen dieser Zeit gemäß sind. Wege im Irdischen wie Wege im Kosmischen. Diese neuen Wege kommen immer mit bestimmten Menschen. Die uns als die Ishim, die großen Avatare, Meister aller Religionen in eine neue Zeit führen. Sie greifen Frequenzen, Strukturen ab, die vorher nie bekannt waren. Über all die Jahrtausende der Trennung gab es sie immer. Sie gingen die Einweihungswege, sie hüteten das Wissen, Priester und Priesterinnen. Jeshua und Maria Magdalena waren unter ihnen. Sie lebten die Kirche der Liebe. Sie wussten, es ist nur die verkörperte, reine Liebe, die Gefäß sein kann für das göttliche Licht.
Wie Cynthia Bourgeault schreibt:
'Ja, sie ist eine apostolische Führerin, aber nicht nur. Ja, sie ist eine Geliebte, aber nicht nur. Ja, sie ist ein femininer Archetyp, aber nicht nur. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, Geliebte, Lehrerin und eigenständige spirituelle Meisterin. All diese Dimensionen müssen zusammengebracht werden, um zu offenbaren, wer sie wirklich ist und welch enormes Geschenk sie uns bringt.’


Erwähnte Literatur:
Bourgeault, Cynthia (2022). Maria Magdalena. Die Frau im Herzen des Christentums. Chalice Verlag, Xanten.






Kommentare